Gerten Goldbeck

Gerten Goldbeck | Poems of the global village
Gerten Goldbeck | Poems of the global village
Foto © Gerten Goldbeck

Kontaktinformation:

Gerten Goldbeck
Fruchtallee 110
20259 Hamburg

www.gerten-goldbeck.de

 

 

Vita

geboren 1967 in Neunkirchen/Seelscheid

1986 Abitur in Wilhelmshaven

1986 - 1991 Studium der Philosophie und Germanistik an der Universität Hamburg.

1991 -1998 Studium Freie Kunst bei Wolfgang Schmitz an der Hochschule für Bildende Künste Bremen (Diplom und Meisterschülerin).

Seit 2000 eigene Werkstatt für Lithografie, Radierung, Buch- und Hochdruck, Siebdruck, Buchbinden, Foto- und Papierarbeiten in Hamburg.

Begründerin und Kuratorin des Internationalen Netzwerkes Druckgrafik.

 

Glasplastik - Aussagen zu ihrer Kunst

Die Metrik der Städte „Wie, wenn unsere Zeichen ebenso unbestimmt wären, wie die Welt, welche sie spiegeln?“ (Wittgenstein, 1:106)

Schon während des Philosophie-Studiums lag mein Hauptinteresse bei der Sprache. Das hat sich auch im Kunst-Studium fortgesetzt. „Denk nicht, sondern schau!“ sagt Wittgenstein in den philosophischen Untersuchungen (S. 66). So habe ich mir die Sprache angeschaut. Bücher und Städte – das sind nicht nur metaphysisch Verwandte. Auch die Oberflächen ähneln sich. Der Rhythmus der Schrift, die geringen Möglichkeiten der Variation von Form und Bau (waagerechte und senkrechte Ausrichtungen, einzelne Räume bzw. Worte) – die Funktion steht fast immer vor der Ästhetik (Form follows function). Beim Zeichnen fiel mir die Metrik der Fassaden auf. So entstand eine Arbeit bei der auf Folie kopierte Schemata von Versmaßen über Lithografien von Hochhausfassaden gelegt wurden. Tatsächlich findet man riesige Formen von Hexameta, Limmerick und Co. in den Städten. Beim Zeichnen selbst versuche ich die „Schreibweise“ – wie Roland Barthes vielleicht sagen würde – der Städte zu ergründen. Es geht also nicht um die detaillierte, wieder erkennbare Abbildung einer Stadt, sondern um die Beschreibung des Textes „Stadt“.

„Wie kann man durch Denken die Wahrheit lernen? Wie man ein Gesicht besser sehen lernt, wenn man es zeichnet.“ (Wittgenstein, Zettel 255). Dabei fand ich heraus, dass die Schreibweisen sich überall auf der Welt ähneln. Die Fassaden der Massenbehausungen sind in ihrer Metrik überall gleich (siehe oben). Es geht also bei den Zeichnungen nicht um die folkloristische Darstellung von Stadtlandschaften, sondern um die Ergründung der Metrik. Aber auch die Sprachbilder, die entstehen, wenn man Buchseiten betrachtet, die dann zu eigenen Bildern werden, haben mich viel beschäftigt. Wie die Steine von Mauern stehen die Buchstaben beieinander: Gemauerte Worte bauen das Texthaus.

Wenn Worte zum Baustoff werden. Dann können auch Bücher zum Baustoff werden? Sie sind nicht nur inhaltlich lebenswichtig, auch ihre ästhetische Form und Beschaffenheit ist faszinierend. So untersuche ich seit einigen Jahren die Möglichkeiten, die der Rohstoff „Buch“ zur konkreten ästhetischen Auseinandersetzung bietet.

Zuerst entstanden sogenannte „Dekonstruktionen“, angelehnt an den Begriff der Dekonstruktion der postmodernen Philosophen. Das meint nicht Destruktion, also Zerstörung. Es meint eher so etwas wie „Entlarvung“ oder „Zerlegung“.

Lyotard spricht davon, dass es darum gehen müsse, das Nichtsichtbare sichtbar zu machen. Ähnliches meint vielleicht auch Wittgenstein: „Was gezeigt werden kann, kann nicht gesagt werden“ (TL, Bd 4 1212).

So entstehen immer mehr Werke aus dem Werkstoff „Buch“: kleine Skulpturen und Reliefs, die ausschließlich durch Buchbindeleim zu neuen Aussagen zusammen gefügt werden.

Parallel dazu entstehen seit 2010 die „Poems of the global village“. Es handelt sich um Farblithografien, die sich mit der Oberfläche von Wolkenkratzern aus verschiedenen Städten der Welt beschäftigen. Ich versuche also die Architektur als Text sichtbar zu machen, die Metrik der Städte zu verdeutlichen und zu erforschen.

Seit 2010 entstehen die „Poems of the global village“. Es handelt sich um Farblithografien auf Papier und Siebdrucke auf Glas, die sich mit der Oberfläche von Wolkenkratzern aus verschiedenen Städten der Welt beschäftigen. Fotos der Fassaden werden auf Lithosteine oder Siebe umgedruckt und dann im weiteren Druckprozess zu ganz neuen Bildern gestaltet. Dabei entstehen ausschließlich Unikate, die sich mit der Vielfalt der Betrachtungsweisen beschäftigen und die den Rhythmus der Oberflächen – ähnlich der Metrik von Gedichten - betonen. Ich versuche also die Architektur als Text sichtbar zu machen, die Metrik der Städte zu verdeutlichen.

Das Bild selbst sagt mir sich selbst’ – möchte ich sagen. D. h., dass es mir etwas sagt, besteht in seiner eigenen Struktur, in seinen Formen und Farben.“ (Wittgenstein, „Philosophische Untersuchungen“)